Genuss in vollen Zügen

Die Nacht war kurz. Die Nacht war aber auch irgendwie beängstigend. Ich frag mich noch heute, womit sich das Hotel in Punchab diese Bezeichnung überhaupt verdient hat. Düstere Gestalten lungerten vor dem Eingang und in der Lobby herum, Gäste waren keine zu sehen, dafür haufenweise schmutziges Geschirr  und nach einiger Zeit war auch noch das Auto mitsamt dem Fahrer verschwunden.

Ich schalt mich mal wieder insgeheim für meine Naivität, denn ich hatte den Fahrer bereits am Abend ausbezahlt, damit wir uns am nächsten Morgen nicht auch noch damit herumschlagen müssen. Sollte mich meine Menschenkenntnis so getrogen haben? Zum Glück nicht, denn pünktlich halb 5 stand Malik bereit zur Abfahrt vor dem Hotel.

Heute sollte ein langgehegter Wunsch Wirklichkeit werden. Es wurde schon so viel über die Kalka-Shimla-Bahn berichtet, so dass ich mich hier wirklich nur auf die wenigen Fakten beschränke, die mich zu dieser Fahrt bewogen haben. Als ein Meisterstück britischer Ingenieurskunst wurde diese Bahn Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Indien war derzeit britische Kolonie. Da es im Sommer im größten Teil des Landes glühend heiß ist, zog sich die Kolonialregierung in die Berge zu Füßen des Himalayas zurück. Der Bau dieser spektakulären Eisenbahntrasse sollte die bis dahin sehr aufwändig betriebenen Karawanen ersetzen.

Auf einer Strecke von knapp 100 Kilometern bewältigt die Bahn etwa 1500 Höhenmeter und passiert dabei über 100 Tunnel, um die 860 Brücken und schlängelt sich um rund 900 Kurven. Eine 6-stündige Achterbahnfahrt durch eine spektakuläre Gebirgslandschaft.

Als mich Malik kurz nach 5 vor dem Bahnhof ablud, erfuhren wir, dass sich die geplante Abfahrt des Zuges von um 6 auf um 8 verschoben hat. Das bedeutet drei Stunden Warten auf dem zugigen Bahnsteig. Ich tat es einfach den anderen nach, kuschelte mich in alle verfügbaren Jacken und Tücher, legte mich auf eine Bank und versuchte zu schlafen. War es ein Infekt oder verdorbenes Essen? Oder war es einfach nur die Quittung für die letzten Tage mit wenig Schlaf, wenig Essen und zuviel Aufregung? Brechreiz und Schweißausbrüche liesen mich hochschrecken, um gleich darauf neben der Bank zusammenzusacken. So dämmerte ich eine Weile vor mich hin. Wer konnte mir helfen in diesem Chaos?

Drei junge Männer nahmen sich meiner an und trugen mir mein Gepäck zu dem richtigen Zug, der mittlerweile eingefahren war. So konnte ich wenigstens mein Gepäck verstaun und die letzte Stunde Wartezeit geschützt im Abteil verbringen. Dieses wurde immer voller, schließlich war der Zug bis auf den letzten Platz ausgebucht. Wie gern hätte ich in meinem Zustand das Ticket auf die 1.Klasse umgebucht. Aber das war schier unmöglich. Ich ergab mich also meinem Schicksal und auch so manchem Wunsch nach einem gemeinsamen Foto.

Offensichtlich war ich neben der Eisenbahn die Attraktion des Tages. Die drei Jungs, die mir vorher behilflich waren, kamen extra nochmal zurück, um sich mit mir fotografieren zu lassen. Die 18köpfige indische Großfamilie, die im gleichen Abteil saß, machte es ihnen nach. Jeder mit jedem und in jeder Konstellation. Es heißt ja immer so schön, wenn man lächelt, gehts einem gleich viel besser. Und es hat tatsächlich funktioniert! Langsam besserte sich mein Zustand vom vielen Grinsen.

Mit der Zeit wurden aber die harten Bänke zur Qual und die Luft im engen Abteil immer stickiger. 40 Leute auf engstem Raum, dazu noch der Duft aus diversen deftigen Lunchpaketen, das konnte nicht lange gut gehen. Kurzentschlossen überließ ich meinen Platz den anderen und setzte mich in die offene Zugtür. So konnte ich die atemberaubende Landschaft, die herrliche Natur und dieses ganz besondere Freiheitsgefühl unbeschwert genießen sowie Seele und Füsse gleichermaßen baumeln lassen.

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