Reisetagebuch Frühjahr 2014 – Dorfgeplänkel

Dorfgeplänkel

 

Wie an jedem Morgen bin ich auch gestern kurz vor Sonnenaufgang losgelaufen, um pünktlich zu selbigem auf meinem Rabenthron hoch über dem Dorf dieses wunderbare Naturschauspiel zu erleben. Dieses Ritual habe ich bereits bei meinem letzten Aufenthalt hier gepflegt und auch dieses Mal beibehalten. Das gibt mir die Gelegenheit, das geschäftige Erwachen des Dorfes zu beobachten und die kraftvolle Natur in mich aufzunehmen.

Da ich heute bereits Budhanilkantha verlassen habe, um die letzten beiden Tage in Kathmandu zu verbringen und Besorgungen zu machen, hieß es gestern mal wieder Abschied nehmen. Bei meinem derzeitigen letzten Morning Walk habe ich alles noch viel intensiver erlebt und förmlich in mich aufgesaugt, um noch lange davon zehren zu können.

Mein Weg führt mich von meinem Domizil aus quer durch den Ort. Der bekannte und von den Hindus hoch verehrte Vishnu-Tempel bildet das Zentrum von Budhanilkantha. Drumherum findet man die für diese Gegend typischen handtuch-schmalen, hohen (meist 4stöckigen) Häuser, die sich gegenseitig zu stützen scheinen. Diese beherbergen allesamt im Erdgeschoss kleine Läden, die neben Lebensmitteln, einfachen Bekleidungsstücken und Schuhen, Handyzubehör! und Hausrat, vor allem Opfergaben anbieten. Bereits zum Sonnenaufgang strömen unzählige Gläubige zum Tempel und decken sich vorher an diesen kleinen Verkaufsständen mit Räucherstäbchen und Butterlampen, mit Opferschalen und Blütenkränzen ein, um wirklich allen Göttern ausgiebig huldigen zu können. Die Bettler und Sadhus gehören zu diesem Bild genauso dazu wie die spielenden Kinder, für die der Tempel ein besonders magischer Ort ist. Die Mischung aus dem Duft der Räucherstäbchen, das lautstarke Rezitieren von Gebeten der im Tempel ansässigen Priester sowie das kraftvolle Klingen der großen bronzenen Glocken zieht mich jedesmal aufs Neue in ihren Bann.

Entfernt man sich etwas weiter vom Dorfkern, so ist die Architektur doch recht unterschiedlich. In einigen Bereichen wachsen fast wöchentlich stattliche Häuser, manchmal sogar richtige Villen, aus dem sandig-steinigen Boden, während dazwischen die Menschen noch in Stein- oder Lehmhütten leben. Besonders beeindruckt mich dabei immer wieder das entspannte Nebeneinander der verschiedenen Kasten und Religionen, von Mensch und Tier.

Genauso bunt wie die Kleidung  der Nepalesen sind die Eindrücke, die ich jedesmal aufs Neue genieße. Bereits weit vor Sonnenaufgang sind die Straßen und Wege voller Menschen, denn das Leben spielt sich hier weitestgehend vor dem Haus und auf der Straße ab. Ebenfalls vor den Häusern brennen vereinzelt kleine Feuer, in denen die Leute ihren Müll verbrennen und sich daran wärmen. Ziegenherden springen quietschvergnügt die Hänge hoch und runter, während die Heiligen Kühe ihre Narrenfreiheit genießen und so manchen Garten plündern. Die Hühner laufen gackernd über die Straße, während der Hofgockel mittels einer Schnur an einem Bein festgebunden ist, wohl wissend, dass seine Hennen ihm ergeben sind und im nahen Umfeld bleiben.

Der Schneider sitzt schon an seiner Nähmaschine, während der Metzger auf einer Plane im Straßenstaub seine Ware feilbietet. Die Steinmetze klopfen Felsstücke zurecht, um eine Mauer für ein neues Wohngebiet zu bauen und die Frauen der Teppichfabrik wickeln das Garn auf große Rollen.

Die Kinder wuseln friedlich umher und begnügen sich mit den simpelsten Spielzeugen. Ein Reifenspiel, das aus einem alten Wasserschlauch gebastelt wurde, eine Puppe aus Lumpen, zerfledderte Bälle oder einfach nur Gummihopse bereiten ihnen sichbar Freude. Ihre kleinen Geschwister werden vor dem Haus gestillt, während die mehrere Generationen zusammen in den ersten Sonnenstrahlen ihren Morgentee genießen. An den Wasserstellen herrscht schon Hochbetrieb. Gerade die älteren Häuser sind noch nicht an das Wassersystem angeschlossen, so dass die Bewohner selbst ihr Trinkwasser an den dafür gekennzeichten Brunnen holen müssen. Alt uns Jung warten geduldig, bis sie an der Reihe sind und nutzen die Zeit um Klatsch und Tratsch auszutauschen.

Selbst die Körperhygiene wird vor dem Haus erledigt. Die Leute laufen zähneputzend umher und spucken fröhlich alles auf die Straße. Die Wäscheplätze entlang der Straße erfreuen sich bereits morgens großer Beliebtheit. Da wird nicht nur Wäsche gewaschen, sondern auch mal ein Bad genommen. Die Frauen sitzen dann in ein Tuch gehüllt auf einem umgedrehten Eimer und begießen sich mit Wasser. Auch der Abwasch vom Vortag wird jetzt in großen Schüsseln vor dem Haus erledigt. Da gehts beherzt zur Sache, denn das Blechgeschirr und die Kupferkrüge nehmen so schnell nichts übel.

Die Menschen hier besitzen weder Waschmaschine noch Staubsauger, weder Spülmaschine noch andere elektrische Helferlein. Sie bewältigen die Haus- und Hofarbeit dennoch mit einem Lächeln, ohne Hast und Eile und nehmen sich stets Zeit für einen Plausch mit den Nachbarn. Wenn ich an so manch strikt durchgeplanten Tag denke, so hab ich das Gefühl, dass wir verwöhnten ‚Westler‘ noch sehr viel von diesen einfachen Menschen lernen können. Sie leben im Jetzt und Hier. Und wenn ein Freund Hilfe braucht, da wird nicht lange überlegt, sondern gehandelt.

Auch ohne Uhr haben die meisten Menschen hier ihren eigenen Rhytmus. So treffe ich allmorgendlich an den gleichen Stellen die gleichen Leute. Die Frau in der roten Kurta mit dem Tragkorb auf dem Rücken, die frischen Spinat zum Markt bringt. Den lustigen Mann im hellrosa Anzug, der immer auf einen Tee zum Schneider geht und mir zur Begrüßung die Zunge rausstreckt. Die junge Frau mit dem weißen Hündchen, die mir jedesmal auf dem Weg durch in den Dschungel entgegenkommt. Den würdigen älteren Newar, der zu seinem Army-Parka die traditionelle Kopfbedeckung der Männer, den Topi, trägt… Anfangs habe ich diese Leute immer gegrüßt, jetzt grüßen sie mich schon von Weitem.

Wenn ich dann nach meinem Weg durch den Wald wieder auf dem Rückweg durch Dorf bin, hängt mir oft eine Traube Kinder am Rockzipfel und begleitet mich ein Stück. Sie kennen mich von meinen Besuchen in den Schulen und dem Kung Fu Club. Manchmal gehen wir zusammen in den Tempel, manchmal gibts ein paar Bonbons, manchmal einfach nur ein paar Knuddeleinheiten. Egal was es ist, für die Kinder ist es jedesmal ein Highlight und das Strahlen in ihren Augen ist einfach herzerwärmend.

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