Schlangen im Paradies

„Dort wo die schlechten Straßen enden, beginnt das gute Leben.“

Wieviel Wahrheit in diesen einfachen Worten steckt, darf ich jetzt erleben. Wobei die Bezeichnung ‚schlechte Straße‘ noch wohlwollend formuliert ist. Dafür ist ‚gutes Leben‘ maßlos untertrieben. Ich fühl mich hier wie im Garten Eden.

Die Blockaden und Unruhen im Grenzbereich zu Indien haben das ganze Land lahmgelegt. Deshalb saß ich auch fast 3 Wochen in Kathmandu fest. Das wurde jedoch auf Dauer zu teuer und auch die Luftverschmutzung setzte meinen Bronchien mächtig zu. Von dem ganzen Dreck und Lärm ganz zu schweigen. So investierte ich 20 Euro für 4 Liter Schwarzmarkt-Benzin, um dem ganzen Chaos zu entfliehen.

Als ich zu Beginn meiner Reise ein paar Tage an den Hängen des Shivapuri verbracht habe, entdeckte ich ein kleines Häuschen inmitten von Feldern und Beeten. Das war Liebe auf den ersten Blick! Nun ist dieses Gartenhaus mein neues ‚Base-Camp‘. Hier habe ich alles, was ich brauche – einen Schlafraum, eine kleine Kochecke, ein Bad – und als Sahnehäubchen obenauf eine gemütliche Terrasse.

Direkt vor meiner Tür baumeln Passionsfrüchte vom Dach, darunter wachsen Auberginen auf einem Beet. Gerade hab ich mir eine leckere Guave gepflückt. Auf den anderen Bäumen und Sträuchern ringsherum reifen Limonen und Orangen, Äpfel und Iskus (eine Kürbisart). Über mehrere Terrassen erstrecken sich Felder und Beete mit Reis und Kartoffeln, Knoblauch und Möhren, Chilli und Zwiebeln, Süßkartoffeln und Tomaten, Rettich und Blumenkohl, verschiedenen Salate und Kräuter.

Die obligatorischen Tangetes, die zu sämtlichen Festen und Zeremonien verwendet werden, bilden leuchtend gelbe Farbkleckse in dieser grünen Idylle. Dazu kommen die knallroten Hibiskusblüten, die bizarren Papageien-Blumen, Dahlien, Rosen und Bougainvillea. Aber auch viele mir unbekannte Pflanzen und Blüten runden das Bild ab.

Es zirpt, summt und zwitschert nur so um mich herum. Jetzt zum Abend zu nehmen die Geräusche teilweise ungeahnte Ausmaße an. Aber das ist nun mal ‚The sound of nature‘, und ich liebe ihn! Meist sind die ‚Musikanten‘ im hohen Gras verborgen und ich kann viele Geräusche gar nicht zuordnen. Schmetterlinge und Libellen, Glühwürmchen und Leuchtkäfer tummeln sich hier genauso wie viele Vogelarten. Direkt neben meiner Sitzecke brütet ganz versteckt in einem Nussbaum ein Dongol-Pärchen und selbst ein blaugefiederter Kingfisher hat sich hier schon blicken lassen.

Oh ja, es ist hier wirklich wie im Paradies! Aber kein Paradies ohne Schlange. Diese leben hier zuhauf auf den Reisfeldern. Leider – oder zum Glück- hab ich noch keine gesehen. Nur den Kopf von unserer ‚Hausschlange‘, die ihre kleine Höhle an einem Drainagegraben hat.

In der ersten Nacht war mir diesbezüglich schon etwas mulmig, zumal meine Eingangstür nicht richtig schließt und die Vermieter über hundert Meter entfernt wohnen. Der Weg zu ihnen führt durch die Felder und ich muss achtgeben, dass ich meine Lampe dabeihabe, wenn ich mal zum Essen eingeladen bin. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und vertraue einfach der Natur. In solchen Situationen erinnere ich mich immer wieder, was mir mein balinesischer Guide gesagt hat, als wir damals gemeinsam nachts den Dschungel durchquert haben: ‚When you respect the nature, the nature will respect you‘

Mit Menschen ist das leider nicht immer so, was mir der Raubüberfall im letzten Jahr deutlich gemacht hat. Deshalb nehm ich die Warnung des Vermieters, ja niemanden zu öffnen, wenn es nachts an der Tür klopft, durchaus ernst. Und ich hab auch stets mein Taschenmesser neben dem Bett… zumindest in den ersten beiden Nächten.

Momentan sind die Schulen und öffentliche Institutionen geschlossen. Viele der Kinder sind bei weit entfernt wohnenden Verwandten, um das Dashain-Fest zu feiern. Deshalb habe ich ein paar Tage ohne große Verpflichtungen und genieße einfach das gute Leben am Ende einer verdammt schlechten Straße. Jeden Morgen beginne ich mit einem Spaziergang hoch an die Hänge des Shivapuri. Aber davon erzähl ich euch das nächste Mal.

Ich muss mich nämlich spurten, denn gleich beginnt mein Feierabendprogramm auf dem Wide-Screan, live und in 3D: SKY… Directors cut – Sonnenuntergang und Wolkenkino hoch über dem Kathmandu-Tal!

 

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