Amir

Am liebsten würd ich mich jetzt in mein Bett legen und meine müden Knochen ausruhn. Aber dafür bin ich zu aufgewühlt. Was ich heute erlebt habe muss ich einfach mit euch teilen, jetzt und hier!

Zusammen mit meinem Freund Chandra habe ich heute morgen als erstes einen Schreibwaren-Laden in Kathmandu geplündert. Zeichenblöcke und Wasserfarbe, Bleistifte und Filzstifte, Buntstifte und Hefte, Pinsel, Spitzer und Radiergummis… Der Verkäufer konnte sein Geschäftsglück kaum fassen. Beladen wie die Packesel ging es dann mit dem Motorrad über endlose Serpentinen und Buckelpisten. Nach 4 Stunden hatten wir unser Ziel erreicht.

Als ich die schmale Holzstiege zum Wohnraum von Amir hochkletterte, war mir ehrlich gesagt richtig mulmig. Ich wußte zwar, was mich erwartet, aber ich wußte nicht, wie ich damit umgehen soll. Schon der Anblick der ärmlichen Behausung, die mit Zeitungspapier tapezierten Wände, das düstere Lager von Amir ließen den Kloß in meiner Kehle noch weiter anschwellen.

Hier lag nun der Junge, von dem ich gehört hatte und dem ich unbedingt eine Freude machen wollte. Amir ist wirklich ein bildhübscher Kerl mit dichtem schwarzem Haar und lebhaften Augen. Er ist 14 oder 15, das weiß man nicht genau. Und er ist seit seiner Geburt an schwer behindert. Arme und Füße sind nur ansatzweise vorhanden und die Wirbelsäule ist stark verdreht. Amir kann sich nur kriechend fortbewegen. Seine Welt besteht nur aus dem dunklen Raum, wo sein Bett steht, und einer kleinen Plattform vor dem Fenster, von wo er aus das Leben auf der Dorfstraße beobachten kann.

Sein Vater arbeitet in Kathmandu als Bauarbeiter sehr hart, um den mehr als bescheidenen Lebensunterhalt für seine 5-köpfige Familie zu verdienen. Um Amir überhaupt Zugang zu Bildung zu ermöglichen, wird er daheim von einem Lehrer ehrenamtlich unterrichtet. Amir hat aber auch ein großes Hobby. Er malt, und zwar mit dem Mund. Jedoch fehlt der Familie das Geld, ihm die nötigen Utensilien zu kaufen.

Amir wurde auf die kleine Plattform getragen und konnte nun im hellen Sonnenlicht all das bestaunen, was in der großen Kiste verborgen war. Er brauchte erst mal einen Augenblick um zu realisieren, dass all die Schätze für ihn waren. Jetzt kann er endlich für lange Zeit seinem Hobby uneingeschränkt nachgehen und verschiedene Techniken ausprobieren.  Und dann ging die Sonne zum zweiten Mal an diesem wunderbaren Tag auf… in seinen Augen! Er hat es mir wirklich leicht gemacht und meine anfängliche Unsicherheit im Umgang mit ihm war schnell verflogen. Es war faszinierend zu beobachten, wie geschickt Amir mit den Stiften umging und wie ein neues Bild entstand.

Chandra will versuchen, Amirs Bilder irgendwo in Kathmandu auszustellen, um auf das Talent des Jungens aufmerksam zu machen und so eine Möglichkeit zu finden, dieses mehr zu fördern. So hätte Amir hoffentlich die Möglichkeit, später seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und die unverzichtbare Hilfe bezahlen zu können, wenn seine Eltern einmal zu alt dafür sind.

Mittlerweile hatte sich unser Besuch im Dorf herumgesprochen und viele Kinder tummelten sich in und ums Haus. Und auch die Nachbarn ließen es sich nicht nehmen, uns zu begrüßen. Einer von denen zupfte mich ständig am Arm und wollte mich dazu bewegen, nach unten zu gehen. Irgendwann gab ich dann nach und wollte wissen, was es denn gäbe. Da zeigte er auf meine Kamera und gab mir zu verstehen, dass ich seine Frau fotografieren solle. Diese kicherte wie ein kleines Mädchen und war sichtlich aufgeregt, dass wohl zum ersten Mal in ihrem Leben ein Bild von ihr gemacht wurde. Ich nahm sie dann einfach in den Arm und machte eins von uns zusammen.

Amir schenkte mir zum Abschied das gerade gemalte Bild mit einer Widmung. Dieses bekommt mit Sicherheit einen Ehrenplatz in meiner Wohnung.

Nach weiteren 4 Stunden Motorradfahrt über Stock und Stein bin ich nun wieder bei meiner Familie angekommen.  Mir tut zwar jeder Knochen einzeln weh, aber das strahlende und dankbare Lächeln von Amir entschädigt für alles.

Wie gern würde ich dieses Glücksgefühl an die lieben Spender weitergeben, die dieses ermöglicht haben.

 

Ein herzliches Dankeschön, liebe Jana und liebe Uta! Mit Eurer Spende habt ihr Amir eine unbeschreibliche Freude gemacht.

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