Ein Wochenende in Tibet

Kennt ihr auch dieses Gefühl, dass ihr beim Betreten eines bis dahin noch nie besuchten Ortes dennoch das Gefühl habt ‚angekommen‘ zu sein? So ging es mir auch vor über einem Jahr bei meinem ersten Besuch in Boudha. Dieser am Rande liegende Stadtteil Kathmandus ist bekannt durch den über 600 Jahre alten Stupa, welcher der größte seiner Art überhaupt und auch das wichtigste Heiligtum des tibetischen Buddhismus außerhalb Tibets ist.

Im lauten, stinkenden, überlaufenen Moloch Kathmandus ist Boudha eine Insel des Friedens, der Ruhe und der Sauberkeit.  Auch wenn es noch weitere 3 Eingänge zu diesem  himmlischen Ort gibt, so wähle ich stets den südlich gelegenen Haupteingang, da dieser den schönsten Blick auf die von der Sonne beschienene goldene Kuppel des Stupa bietet. Schon beim Durchschreiten des imposanten, mit religiösen Symbolen bunt verzierten Tores  habe ich das Gefühl, in eine andere Welt abzutauchen.

Der Stupa selbst hat einen Durchmesser von etwa 100 Metern und erhebt sich in mehreren Stufen etwa 40 Meter über dem Grund. Aus der Luft betrachtet schaut er aus wie ein riesiges Mandala, ein streng geometrisches Gebilde, das die Symbolik des buddhistischen Kosmos darstellt. Über 300 Gebetsmühlen sind entlang der 16 seitigen unteren Mauer angebracht. Unzählige Gläubige und Pilger drehen diese unablässig, während sie den Stupa im Uhrzeigersinn umrunden.

Rund um den Stupa sind in den letzten 60 Jahren soviele Häuser entstanden, dass sie einen nahezu geschlossenen Kreis bilden. Nach der Kulturrevolution in China haben hier Tausende tibetische Flüchtlinge eine neue Heimat gefunden. Jedes dieser Häuser ist farbenfroh und mit liebevollen Details dekoriert. In den kleinen Lädchen im Erdgeschoss all dieser Häuser kann man Gebetsmühlen und Räucherwerk, Kleidung und Gewürze, Schmuck und Ritualgegenstände erwerben. Die Teestuben und Restaurants auf fast allen Dächern dieser Häuser bieten neben leckeren traditionellen Speisen auch einen traumhaften Blick auf den Stupa sowie bei guter Sicht sogar bis zu den schneebedeckten Gipfeln des Ganesh Himals.

In unmittelbarer Umgebung haben sich mehrere namhafte buddhistische Klöster niedergelassen. Die typischen reich verzierten Dächer strahlen mit der Sonne um die Wette, während die Luft von Wacholderduft oder anderen Wohlgerüchen erfüllt ist. Aus den Gebetsräumen der Klöster dringen die tiefen Töne der verschiedenen sakralen Instrumente und verbinden sich mit dem stets präsenten ‚Om Mani Padme Hum‘ und dem Klang der Gebetsmühlen zu einer faszinierenden Geräuschkulisse.

Um diese besondere Stimmung auch mal im Wechsel der Tageszeiten geniessen zu können, habe ich das vergangene Wochenende in Boudha verbracht. Ein guter Freund, der dort quasi zuhause ist, hat mich durch das Labyrinth der engen, den Stupa umgebenden Gassen geführt und mir Orte gezeigt, die normalerweise Touristen verborgen bleiben. Die Geschäfte hier sind eine wahre Fundgrube für Kunstliebhaber, Feinschmecker und Tibet-Freunde. Liebevoll angelegte Garten-Cafe’s laden zum Verweilen ein.

Besonders beindruckt hat mich die Shechen-Monastery, die ihre Wurzeln in Ost-Tibet hat. Dieses majestätische Kloster betreibt in einem idyllisch angelegten Garten ein eigenes Gasthaus mit angeschlossenem veganem Restaurant sowie eine große Non-Profit-Klinik.

In der Abenddämmerung herrscht eine ganz besondere Stimmung in Boudha. Der Parkhour rund um den Stupa ist nahezu vollständigt belebt, denn nun kommen auch die Anwohner und Mönche aus den umliegenden Klöstern zu ihrem abendlichen Gebet. Zügig, aber ohne Eile, bewegt sich der Tross unaufhaltsam um den Stupa. Es gibt für mich kaum etwas, was mich mehr stärkt und erdet, als gemeinsam mit den Gläubigen dieses Ritual zu teilen. Hier kann ich die Zeit vergessen und ich hätte nicht dagegen, sie anzuhalten. Diesen tiefverwurzelten Glauben  der Menschen so unmittelbar zu spüren, erfüllt mich mit Demut und tiefstem Respekt.

Mit Einbruch der Dunkelheit ist dieser Ort in ein feierliches Licht getaucht. Der Stupa selbst wird von Scheinwerfern angestrahlt. Nach und nach erstrahlt der gesamte Parkhour im Schein tausender Butterlampen, die die Gläubigen als Opfergabe hier entzünden. Einen würdigeren Abschluss des Tages kann ich mir nicht vorstellen und habe mich voller Dankbarkeit diesem Ritual angeschlossen.

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