Schlag auf Schlag

Laut, bunt und vor allem chaotisch – so kann man die Verkehrssituation in Nepal wohl am besten beschreiben. Seit einigen Tagen jedoch hat sich das Bild komplett geändert. Keine Warteschlangen mehr an den Kreuzungen, die Polizisten sitzen gelangweilt auf ihren Podesten, die Verkehrsführung ist recht übersichtlich, selbst in Kathmandu ist die Luft nicht mehr so stark von Abgasen verpestet wie zuvor. Das klingt schon beinahe idyllisch – wären da nicht die anderen Bilder.

Schreiende Menschen mit Plakaten, Polizisten mit Schutzschild und Schlagstöcken… noch sind die Demonstrationen friedlich, die sich über die Stadt verteilen und sich besonders in Lazimpat in der Nähe der indischen Botschaft konzentrieren.  Aber wie lange noch?

Vor einer Woche bekamen wir hier die ersten Auswirkungen des indischen Embargos zu spüren. Indien verweigerte die Lieferung von Petrol (siehe hier). Damals haben es die Menschen noch mit einem Lächeln hingenommen, haben nach Möglichkeit Fahrgemeinschaften gebildet und nur die dringendsten Fahrten unternommen. Das alles in der Hoffnung auf eine baldige Einigung mit dem Nachbarland und Hilfe von anderen Ländern.

Mittlerweile ist uns allen das Lachen vergangen und die Auswirkungen dieses Embargos ziehen sich durch alle Gebiete des täglichen Lebens, denn es betrifft nicht nur die Sprit-Lieferung, sondern auch Gas, Kerosin, diverse Waren und nicht zuletzt Medikamente. Viele Menschen müssen stundenlange Wege auf sich nehmen, um zu ihren Arbeitsplätzen zu gelangen. Die Versorgung der Geschäfte wird immer schleppender. Taxifahrer verlieren ihren Broterwerb. Viele kleine Garküchen und bereits einige Restaurants mussten schließen, da sie die Kochstellen mit Gas betreiben. Die medizinische Versorgung wird auf eine harte Probe gestellt…

Von offizieller Seite erfährt man hier nicht viel. Auch wenn es nun eine Verfassung gibt, die übrigens der Auslöser für die Reaktion Indiens war, so haben wir hier nicht das Gefühl, dass die Regierung eine baldige Lösung der Probleme anstrebt. Die bisher einzige sichtbare Reaktion der ‚hohen‘ Herren war die Reglementierung des Verkehrs in altbewährter Manier in ‚Even and Odd‘. An geraden Tagen dürfen nur die Fahrzeuge mit einer geraden Endziffer fahren, an ungeraden die anderen.

Ich habe mich gerade lange mit Tashi unterhalten, um einen etwas besseren Einblick in die Situation zu bekommen. Fakt ist, dass Indien nicht so schnell nachgeben wird. China würde uns helfen und mit dem Nötigsten beliefern, vielleicht sogar dauerhaft. Für mein Verständnis wäre das sicher eine akzeptable Lösung. Das würde allerdings nach sich ziehen, dass Indien dann auch noch andere Lieferungen stoppt, und zwar ebenfalls dauerhaft. Und das würde Nepal einen weiteren Schlag versetzen. Gerade auch im medizinischen Bereich ist Nepal auf Indien stark angewiesen. Die Ärzte in den Kliniken und OP-Sälen haben ihre Behandlungen auf die indischen Produkte ausgerichtet. Sie wissen, welches Medikament in welcher Dosierung eingesetzt werden muss. Sie wissen um die Unverträglichkeit der verschiedenen Arznei untereinander. Dieses komplexe Wissen könnte nicht auf die chinesischen Produkte angewendet werden und es würde lange Zeit dauern, bis der jetzige Stand erreicht ist. Dies sind nur einige Beispiele.

Ich weiß noch nicht, wann wir endlich in die Einsatzgebiete fahren können. Selbst wenn aus irgendeiner Quelle mal wieder ein paar Galonen Sprit auftauchen, wird strengstens rationiert – 10 Liter für Autos und 1 Liter für Mopeds. Damit kann man nun wirklich keine großen Sprünge machen. Der Schwarzmarktpreis für Benzin liegt mittlerweile bei 5 Euro pro Liter, also mehr als das 5fache als normalerweise. Ich muss mich nun für unbestimmte Zeit in Kathmandu in einem zentral gelegenen Hotel einquartieren, damit ich wenigstens halbwegs meine Arbeit machen und die Wege zu Tashi und in die Schulen zu Fuß bewältigen kann.

Wenn die Natur ein Land hart trifft, so wie es bei dem verherenden Erdbeben der Fall war, dann ist es zwar furchtbar, aber es ist leichter zu akzeptieren. Wenn jedoch ein Land von einem anderen dermaßen hart boykottiert wird, dann dürfen wir das nicht hinnehmen und müssen kämpfen! Aber wie???

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