Die getauschten Schuhe

 

„Tashi Delek! „Als ich diesen tibetischen Gruß mitten im Gewimmel von Kathmandu hinter mir hörte, drehte ich mich neugierig um. Ein kleiner Mann strahlte mich an und fragte mich, wie es mir geht. Er muss wohl meinen verdutzen Gesichtsausdruck bemerkt haben und klärte mich auf. Er habe mich vor einigen Wochen im Dalai Lama Tempel in Indien gesehen und konnte sich noch gut an mich erinnern.

Jetzt war ich baff! Und noch neugieriger. Ich lud diesen Unbekannten auf einen Tee ein, um uns in Ruhe unterhalten zu können. Bereits auf dem Weg ins Teehaus bemerkte ich, dass er trotz der Wiedersehensfreude recht ängstlich wirkt. Er bat mich, sich auf der Straße nicht mit ihm offen zu unterhalten. Er wolle mir alles erklären.

Das war selbst für mich alles irgendwie kurios. Kurzzeitig dachte ich auch an eine besonders raffinierte Masche, um an Geld zu kommen. Schließlich hab ich hier schon die tollsten Tricks erlebt. Deshalb stellte ich diesen Mann auf die Probe und zeigte ihm auf meinem Handy ein Bild von der Residenz des Dalai Lama, die weit weniger Leuten bekannt ist, als der offizielle Tempel. Er erkannte sie auf Anhieb.

Im Teehaus suchten wir uns eine etwas abgelegene Ecke. Während wir uns gegenübersaßen, konnte ich mir ein, zumindest äußerliches Bild von dem Menschen machen. Lobsang, so hatte er sich vorgestellt, war noch etwas kleiner als ich und hatte die typischen tibetischen Gesichtszüge. Sein Alter war schwer zu schätzen. Die leicht gebeugte Gestalt und das wettergegerbte Gesicht standen im krassen Gegensatz zu seinen fließenden Bewegungen, dem nahezu verschmitzten Lächeln und den wachen, wenn auch etwas trüben Augen. Er trug eine leichte dunkle Jacke und darunter ein rotes T-Shirt. Nur die weinrote Fleecehose und die darunter hervorblitzenden Socken in der gleichen Farbe, der ‚Monk Color‘, verrieten ihn als Mönch. In einer kleinen Plastiktüte hatte er wenige Habseligkeiten bei sich.

Lobsang erzählte mir, dass er vor ein paar Tagen mit dem Bus aus Indien hier in Kathmandu angekommen war und nun vorübergehend in der Nähe des Swayambu-Tempels in einem kleinen Kloster wohnt. Ursprünglich stammt er aus Tibet und mußte mit etwa 5 Jahren sein Heimatland als Flüchtling verlassen. Seit vielen Jahren lebt er in einem Kloster in McLeod Ganj in unmittelbarer Nähe des Dalai Lama Tempels.

Das höchste Ziel im Leben eines Buddhisten ist es, den heiligen Berg Kailash im Westen Tibets zu umrunden. Nicht einmal, nicht zweimal… sondern mindestens dreimal. Wenn nicht sogar mehr! Und genau das hatte Lobsang auch vor. Über Jahre hinweg hatte er sich einen Großteil der dafür notwendigen Reisekosten von Spenden zusammengespart. Auch ich gab ihm etliche Rupien dazu.

Nun wußte ich auch, warum sich Lobsang so ängstlich verhielt. Wenn herauskommt, dass er sich auf den Weg nach Tibet macht, würde er gefaßt und eingesperrt werden. Tibetischen Flüchtlingen ist es nicht mehr möglich, ihr Heimatland zu besuchen. Ich habe mich während meiner Zeit in Dharamsala mit einigen Tibetern unterhalten und bin tief berührt von deren Schicksal. Zufälligerweise hatte ich auch heute mein T-Shirt mit dem ‚Free Tibet‘ Aufdruck an. Als ich Lobsang auf seine Frage hin verriet, dass ich dieses Shirt ganz bewußt trage, war das Eis endgültig gebrochen.

Er kramte in seiner Tüte und brachte eine kleine Buddha-Statue hervor, die er geheimnisvoll in seinen beiden Händen barg, damit niemand diese sieht. Diese hat er von seiner Mutter bekommen und möchte sie mir zu meinem Schutz und Segen schenken. Ich hab vor Rührung kein Wort herausgebracht und war ganz unsicher, ob ich dieses wertvolle Geschenk überhaupt annehmen kann. Aber ein Geschenk abzulehnen käme einer Beleidigung gleich. Lobsang schenkte mir auch zwei Segensbändchen, eines vom Dalai Lama gesegnet, eines von Karmapa, die mir für meine Arbeit Kraft schenken mögen.

Auch hier an einem relativ geschützten Ort spürte ich seine Unsicherheit und Furcht vor Entdeckung. Lobsang bat mich um meine Email-Adresse, um nach geglückter Rückkehr in seinem Kloster mit mir Kontakt aufnehmen zu können. Ich hatte ihm nämlich erzählt, dass ich den Heiligen Ort gern wieder besuchen möchte, um den Unterweisungen des Dalai Lama beizuwohnen. Vielleicht sehen wir uns ja wieder!

Und wieder drehte sich das Gespräch um den Kailash. Ich hatte schon viel darüber gelesen und weiß, dass diese Tour alles andere als ein Spaziergang wird. Der größte Teil des 53 Kilometer langen Pilgerweges liegt auf einer Höhe von über 4500 Metern und führt am Drölma-Pass sogar bis auf 5700 Meter hinauf. Die meisten Pilger haben nicht mal eine ansatzweise angemessene ‚Ausrüstung‘ dabei. Wie klein kam ich mir plötzlich vor als ich daran dachte, wie stolz ich doch auf meinen ‚Gipfelsieg‘ am Poon Hill war… Mit feinster Trekkingausrüstung obendrein.

Lobsang hatte nur seine Plastiksandalen. Und die hatten in etwa meine Schuhgröße. Fix schlüpfte ich aus meinen rustikalen Sportschuhen und forderte den verdutzen Mönch auf, diese anzuprobieren. Sie passten wie angegossen und waren zudem auch noch in ‚Monk Color‘. Jetzt strahlte Lobsang übers ganze Gesicht.

Wir gingen noch ein Stück gemeinsam durch die Gassen von Kathmandu -er in meinen roten Sneakers, ich in seinen ausgelatschten Schlappen- bis sich unsere Wege trennen mußten. Es war nicht mehr weit bis zu meiner Unterkunft. Da fiel mir ein, dass ich ja noch ein paar Sandalen dabei habe. Ich schlug Lobsang vor, mich zu begleiten, so dass ich ihm seine Latschen zurückgeben kann. Soviel Aufmerksamkeit wollte er nicht erregen. Also vereinbarten wir einen Treffpunkt, wo ich ihm dann neben den Latschen zum Abschied auch noch etwas zu Essen geben konnte. Viel Glück, Lobsang!

Irgendwie beneide ich ja meine Schuhe. Diese haben mich schon zu den tollsten Zielen begleitet und waren sogar letztes Jahr in der ‚Verboten Stadt‘, in Lhasa. Ein schönes Gefühl zu wissen, dass sie -hoffentlich- nun auch noch ein weiteres Traumziel für mich erreichen.

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