Grünes Licht für roten Flitzer

 

Und dieser rote Flitzer ist nicht etwa geliehen oder gemietet – NEIN! Dieser Scooter gehört mir! Bis es allerdings soweit war, hab ich allerhand erlebt. Ich habe heut noch blaue Daumen von der Prozedur.

Was bisher nur ein vager Wunsch war, stand nach der Wohnungsbesichtigung für mich unumstößlich fest. Ich brauche ein eigenes Vehikel! Mein Domizil ist etwas abseits gelegen und somit die Anbindung an die öffentlichen Busse nicht gewährleistet. Das Geld für die notwendigen Taxifahrten kann ich lieber in einen Scooter investieren. So lerne ich nebenbei auch noch, mich besser im Verkehrsgewühl zurechtzufinden und kann auf eigene Faust die Gegend erkunden.

Mein Freund Tashi hatte sich bereits nach einem geeigneten Gefährt umgehört. Dabei erfuhr er, dass es für mich als Ausländer nicht möglich ist, ein Fahrzeug zu erwerben geschweige denn auf mich zuzulassen. Angesichts meiner fehlenden Fahrpraxis wollte ich unsere Freundschaft nicht dadurch strapazieren und ihn darum bitten, dies in seinem Namen zu tun. Wir erfuhren dann, dass man sich von der Deutschen Botschaft eine Erlaubnis ausstellen lassen kann, wenn man die Notwendigkeit des Fahrzeugkaufs glaubhaft belegen kann. Dies sollte kein Problem sein.

Also machte ich mich gestern in aller Herrgottsfrühe mit meinen Papieren und den Referenzen meiner sozialen Arbeit auf den Weg in die Botschaft. Eine Stunde und 25 Euro später hielt ich das begehrte Papier in den Händen – unterzeichnet von den Botschaften Frankreichs, Dänemarks, Finnlands und Deutschlands. Jetzt durfte ja nichts mehr schief gehen.

Tashi hatte einen Händler ausfindig gemacht, der zwei Scooter zum Verkauf und mir dazu noch in der angeschlossenen Werkstatt den notwendigen Service anbot. Das hörte sich doch gut an und bot mir obendrein eine gewisse Sicherheit.

Der eine Scooter stand sofort für eine Probefahrt zur Verfügung, der zweite wurde eine Stunde später angekarrt. Jetzt durfte ich keine Schwäche zeigen und mit Tashi als Sozius ging es auf zur ersten Runde. Es lief besser als gedacht. Da ich von Fahrzeugen allgemein und von Scootern insbesondere keine Ahnung habe, waren für mich nur die optischen Aspekte wichtig. Tashi überzeugte mich dann in Hinblick auf einen guten Rückkaufwert und eine höhere Leistung, den roten Honda Dio zu nehmen. Der Preis war okay, so dass wir uns schnell handelseinig wurden.

Nun galt es, die nächste Hürde zu nehmen – der Gang zur Zulassungsstelle. Mittlerweile war es früher Nachmittag und die Arbeitslust der Beamten nimmt zu der Tageszeit rapide ab. Gemeinsam mit dem Händler machten wir uns auf den langen Weg zu der entsprechenden Behörde. Was ich dann dort gesehen und erlebt habe, war ein echtes Highlight!

Der erste Anlaufpunkt war die Sichtkontrolle. In einer Wellblechhütte residierten an einem langen Tisch drei Beamte, die mit Papieren und Stempeln wild herumfuchtelten. Auf dem Platz davor drängten sich an die zweihundert Scooter und Motorräder aller Art nebst ihren Besitzern. Es war ein Jahrmarkt der Eitelkeiten bei den überwiegend jugendlichen Bike-Besitzern, die ihre Karren oft recht kreativ herausgeputzt hatten. Einer nach dem anderen mussten wir mit unserem Gefährt direkt bis vor diesen Schreibtisch fahren, wo ein Assistent die Rahmennummern und Kennzeichen überprüfte und mit seinem Okay die Herausgabe verschiedener Formulare veranlasste.

Diese mussten nun sorgfältig ausgefüllt werden. Dazu gab es jedoch neben der Sitzbank hier auf dem Platz keine Möglichkeit. Wohl eigens zu diesem Zweck hatten sich rund um die Behörde etliche Garküchen niedergelassen, die neben den begehrten Tischen auch so manch leckeres Gericht anboten. Mir knurrte schon der Magen, hatte ich doch seit dem zeitigen Frühstück nichts mehr gegessen. Jedoch verzichtete ich gern, da ich zufällig einen Blick hinter diese Küchen werfen konnte und gesehen habe, in was für einer dreckigen Brühe die Schüsseln ausgewaschen werden. Das Spülwasser sah aus wie ein vollwertiger Eintopf!

Der Händler schrieb und schrieb und packte am Ende ein Stempelkissen aus. Nun mussten wir beide mit Daumenabdruck unseren Pakt besiegeln. Meine Passfotos zieren nun diverse Unterlagen und das ‚Blue Book‘, das wichtigste Dokument eines Fahrzeughalters überhaupt. Hierin sind alle bisherigen Besitzer mit Foto, technische Daten und die Bestätigung der Steuerzahlungen verewigt. In einer dicken Kladde, die in der Behörde verbleibt, wurden unzählige Papiere abgeheftet und ebenfalls mit meinem Daumenabdruck und der Unterschrift versehen.

Weiter ging unser Behörden-Marathon. Mittlerweile hatten wir ein großes und ziemlich runtergekommenes Gebäude erreicht, wo sich der Händler an diversen Schaltern verschiedene Stempel abholen musste und ich 30 Euro Bearbeitungsgebühr loswurde. Wenn sich auch die nepalesischen Behörden weder durch Arbeitsmoral noch Sauberkeit mit denen in Deutschland messen können, die Gebühren sind auf dem besten Weg dahin. An jedem Schalter drängten sich die Menschen, es gab keine Sitzmöglichkeiten, die Räume waren klein und stickig und das Chaos war groß.

Endlich hatten wir es bis zum Archiv der Behörde geschafft, dem wichtigsten Schritt überhaupt. Hier lagern über mehrere Stockwerke und Räume verteilt Hunderttausende Akten, mehr oder weniger geordnet nach dem Kennzeichen bzw. der Seriennummer des Fahrzeugs, alle jedoch ziemlich zerfleddert. Aus diesen Akten müssen sich die Fahrzeughalter selber den richtigen Ordner heraussuchen und damit beim Chef der jeweiligen Abteilung antreten. Auch hier wird ein Passfoto und der Daumenabdruck des neuen Halters hinzugefügt und das finale Okay gegeben. Bevor ich dies erhielt, wurde ich auch wieder von Kopf bis Fuß gemustert, nach den Gründen für mein Anliegen und meiner Fahrpraxis befragt.

Dass ich meine Fahrerlaubnis schon nahezu 30 Jahre habe, wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen. Dass ich jedoch die letzten 25 Jahre kaum noch zweirädrige Fahrpraxis habe, hab ich großzügig verschwiegen. Und selbst wenn, dann wären diese Fähigkeiten hier in Nepal kaum von Vorteil, herrschen doch hier ganz andere Regeln und Gesetze auf der Straße. Stolz erwähnte ich noch, dass mein Bruder Fahrlehrer ist.

Als ich dann endlich den entscheidenden Stempel in meinem Blue Book hatte, gratulierte mir der strenge Chef der Behörde und lies sich sogar zu einem Lächeln herab. Nun durften wir meinen roten Flitzer auf dem Sammelplatz vor der Wellblechhütte abholen und endlich zurück nach Kathmandu düsen. Vorher jedoch winkten mich die Herren in der Hütte zu sich und ließen es sich nicht nehmen, mir zu gratulieren und allzeit gute Fahrt zu wünschen.

Ach, da war doch noch was! Wie ist das mit einer Versicherung? Darauf bekam ich nur die Antwort „You have to drive careful!“ Na dann… auf geht’s!

 

 

 

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