„Zwei Radler, bitte!“

Ein lauer Sommerabend, Ausflugsdampfer auf der Elbe, die tiefstehende Sonne taucht das Panorama der Stadt in ein warmes Licht… Wieder einmal wird mir bewusst, wie wunderschön Dresden ist. Vom Aussichtspavillon am Waldschlösschen lasse ich meinen Blick schweifen und entdecke auf der gegenüberliegenden Straßenseite zwei Jungs, die mit ihren Rädern geradewegs auf mich zusteuern.

Das müssen sie sein!

Auch wenn wir uns vorher noch nie begegnet sind, empfinde ich dennoch eine gewisse Vertrautheit, als wir uns dann endlich gegenüberstehen. Kein Wunder, verbindet uns doch trotz aller Unterschiedlichkeiten etwas ganz Besonderes: Fernweh und eine große Portion Verrücktheit. Vor allem Letzteres braucht man auch, wenn man solch ungewöhnliche Pläne wie Robert (31) und Tobias (30) hat – mit dem Fahrrad von ihrer Heimatstadt Rostock nach Australien zu radeln!

„Während meiner Ausbildung habe ich die Bücher über die Weltradreise von zwei Rostockern gelesen“, erinnert sich Robert. „Das war so spannend und faszinierend! Seitdem habe ich immer davon geträumt, selbst einmal so etwas zu machen. Aber eigentlich bin ich ja ein ‚Heimscheißer‘. Ich habe immer meine Freunde bewundert, die einfach so für eine Weile von zuhause weg oder sogar ins Ausland gehen können. Solch einen Schritt habe ich bisher noch nie gewagt. Und dann lernt man irgendwann Leute wie Tobi kennen, der ständig Fernweh hat.“

Dieser hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Seit seiner Kindheit beschäftigt er sich mit Karten und Atlanten. Nach seinem Studium zum Geographen lebte Tobi ein Jahr im Ausland. „Als ich dann wieder zurück in Deutschland war und einen Job hatte, habe ich schnell gemerkt – eh Digger, das is nix für dich! Rostock ist nun wirklich nicht so international“ erzählt Tobi. „Und so kam es, dass ich mal wieder ein neues Abenteuer erleben und einfach raus in die Welt wollte.“

Immer wieder wurde Robert von seinem Kumpel Tobi gestichelt, ob er nicht einfach mitkommen will, wenigstens für ein paar Wochen. Damit war Roberts Ehrgeiz geweckt und er sagte sich „Ganz oder gar nicht!“

Die beiden Nordlichter kündigten ihre Jobs und begannen mit den Reisevorbereitungen. Als mir die Jungs davon erzählten, musste ich herzlich lachen. „Die Erfahrung eines Reisenden sieht man ihm immer am Gepäck an“, meinte Robert mit einem Augenzwinkern. „Je mehr Gepäck er mit sich herumschleppt, desto weniger Erfahrung hat er!“ Ob 45 Kilo Gepäck pro Person für ein Jahr viel oder  wenig sind, wird sich im Laufe der Reise noch herausstellen. Trotz oder gerade wegen seiner Reiseerfahrung möchte Tobi auf einen gewissen Komfort nicht verzichten und packte das eine oder andere Kleidungsstück noch zusätzlich mit ein, um für nahezu jede Situation gerüstet zu sein. Robert hingegen legt da eher Wert auf heimelige Gemütlichkeit und führt dafür lieber einen Campingstuhl bei sich.

Besonders faszinierend ist für mich das technische Equipment. Wie oft habe ich auf meinen Reisen die Tatsache verflucht, dass man die Akkus seiner Kamera, des Handys oder der Stirnlampe nicht rechtzeitig wieder aufladen konnte, obwohl man die unterschiedlichsten Ladegeräte mit sich herumschleppte. Dies haben die Jungs sehr elegant gelöst. Im vorderen Teil des Rahmens wurde ein Powerpack verbaut, das ständig durch die beim Radeln erzeugte Energie gespeist wird. Am Lenker befindet sich u.a. ein USB-Steckplatz, von dem aus sämtliche elektrische Geräte aufgeladen werden können. Die Radler sind somit unabhängig von den in den jeweiligen Ländern verwendeten Netzspannungen und –steckern. Das Smartphone, welches ebenfalls in einer Halterung am Lenker Platz findet, ist bestückt mit Musik für jede Stimmungslage und ausreichend Offline-Kartenmaterial. Über GPS wird die Route von RobTob exakt aufgezeichnet und kann auf ihrer Webseite verfolgt werden. Eine kleine ‚Küche‘ gehört ebenso zur Ausstattung wie ein Wasserfilter und 2 Wassersäcke, die gefüllt nochmal je 10 Kilo Gewicht drauflegen. Ich muss zugeben, die Jungs sind wirklich gut organisiert!

Am 12.6. um 12:06 starteten Robert und Tobi im Rostocker Stadthafen, wo sie von Familie und Freunden, Bekannten und Kollegen verabschiedet wurden. Auch Ronald Prokein, einer der beiden Rekord-Weltumradler, die mit ihren Büchern zu dieser Reise inspirierten, war vor Ort, um den Jungs „Ahoi“ zu sagen und gute Wünsche mit auf den Weg zu geben. Seit Ronald vor einigen Wochen in meiner Heimatstadt Wilthen einen seiner spannenden Reisevorträge hielt, sind wir in gutem Kontakt. Ich schickte ihm ein Foto der beiden Radler vor der Dresdener Kulisse und nur wenige Minuten später klingelte mein Handy – was für eine Überraschung für Robert und Tobi!

Der Gesprächsstoff ging uns nicht aus. Vom vielen Reden waren unsere Kehlen trocken geworden, so dass wir unser Treffen schon bald in den idyllischen Biergarten am Brauhaus verlegten. Dort ließen wir dem Fernweh freien Lauf, fachsimpelten, träumten von neuen Zielen, tauschten Erfahrungen aus und schmiedeten Pläne. Ich genoss es total, mich mit den beiden sympathischen Rostockern zu unterhalten. Es war einfach herrlich, wie sie sich verbale Bälle zuwarfen und mit ihrem norddeutschen Humor für viele Lacher sorgten.

Entgegen den Reisen von Ronald, der ja dabei stets einen neuen Geschwindigkeitsrekord im Sinn hatte, verlief die bisherige Tour der beiden Radler geradezu gemächlich, wenn man bedenkt, dass sie über zwei Wochen von Rostock bis Dresden gebraucht haben. Das soll keineswegs abwertend klingen, zumal ich es wahrscheinlich selbst nicht mal bis hierher geschafft hätte. Was war der Grund dafür? Gab es Pannen, Verletzungen oder andere Zwischenfälle?

„Von jedem etwas“ , so die Radler. Eine Reifenpanne an Tobis Hinterrad, eine schmerzhafte Bänderreizung an Roberts Knie und teilweise starke Regengüsse gaben schon auf den ersten Kilometern einen kleinen Vorgeschmack auf die nächsten Monate. Aber davon ließen sich die Pedalritter nicht wirklich aufhalten. Viel wichtiger waren und sind ihnen die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, die sie auf ihrer Tour kennenlernen. Sie wollen sich einfach Zeit lassen für Gespräche und spontane Einladungen, wollen aktiv am lokalen Leben teilnehmen und die verschiedensten Kulturen kennenlernen.

Eine solche Reise, die RobTob vor sich haben, birgt viele Überraschungen in sich… gute und weniger gute. Auf meine Frage, was denn möglichst nicht passieren sollte, waren sich die Beiden einig: „Fiese Stürze und Krankheiten, das muss man nicht haben!“  Noch wichtiger ist ihnen allerdings, dass sie zusammenhalten, egal ob sie sich mal streiten oder in Schwierigkeiten geraten. „Wir haben uns fest vorgenommen, wenn man sich doch mal –ganz böse ausgedrückt – prügeln sollte, dass es keiner persönlich nimmt und dass jeder von uns kompromissbereit ist. Und wenn wir doch mal an einen kritischen Punkt kommen sollten, dann wollen wir uns besinnen und sagen – Eh Digger, kuck mal, wo wir jetzt sind und was wir erreicht haben! Bis hierher sind wir gemeinsam gekommen, wir gehen auch weiterhin gemeinsam!“

Eine tolle und vor allem ganz wichtige Einstellung. Und so, wie ich die zwei sympathischen  Jungs von der Küste kennenlernen und erleben durfte, mach ich mir diesbezüglich überhaupt keine Sorgen.  Genauso locker und witzig, wie Robert und Tobi live sind, erzählen sie auch in ihrem absolut lesenswerten Blog und lassen uns somit an ihrer verrückten Reise teilhaben.

Es war schon spät am Abend, als wir uns herzlich voneinander verabschiedeten – mit der Gewissheit:

„Man sieht sich wieder – somewhere, sometime!“

 

Ein Kommentar:

  1. Pingback: 06 | Dresden, die letzte Stadt in Deutschland – RobTob Ahoi

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